Interview mit Hera Lind zu ihrem Roman „Gefangen in Afrika“
1. Gerti Bruns, aufgewachsen während des Zweiten Weltkrieges, ist eine typische Frau jener Zeit: Trotz großer Entbehrungen kämpft sie sich durch. Warum verliebt sie sich in Leo Wolf, einen Aufschneider, der sie eigentlich nur schlecht behandelt?
Hera Lind: Anfangs behandelt er sie gut. Ihr Märchentraum wird wahr: Sie lebt als angesehene Bankiersgattin im Wohlstand. Erst als er sie nach Afrika lockt, wo er längst eine Zweitfamilie hat, zeigt er sein wahres Gesicht: Er will die Söhne, und sie steht mittellos und ohne Papiere da!
2. Der Traum von Afrika wird für Gerti und ihre Kinder bald zum Albtraum, und die eindrucksvollen Schilderungen ihrer Ängste zeigen, wie ausweglos ihre Situation ist. Wie gelingt es Ihnen, sich derart in die Gefühle Ihrer Heldinnen einzufühlen?
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Hera Lind: Einerseits muss ich Frau Gerti Bruns ein großes Kompliment machen: Sie hat perfekte Vorarbeit geleistet, indem sie mir ihre Erlebnisse, Gefühle, Ängste, Sorgen und Hoffnungen aufgeschrieben hat. Andererseits bin ich mit einer guten Portion Fantasie ausgestattet, die mir ermöglicht, mir ihre Situation genau vorzustellen. Während des Schreibens entstehen im Kopf detaillierte Bilder von Landschaften, Gerüchen, Geräuschen, Farben; Dialoge entwickeln sich, Personen erwachen zum Leben. Wenn die Protagonistin dann sagt: »Ja, genau so war es!«, bin ich glücklich.
3. Schicksalsschläge sind im Leben unausweichlich. Machen sie einen in jedem Fall stärker?
Hera Lind: Sie fordern einen heraus, und wenn man nach dem ersten Schock in die Hände spuckt und sagt: »So, dieser Situation stelle ich mich jetzt!«, kann man über sich hinauswachsen. Jede Mutter wird nachvollziehen, dass man Kräfte entwickelt, von denen man nicht wusste, dass man sie hat. Im Nachhinein ein solches Buch über ihr Leben in der Hand zu halten, ist für Gerti Bruns sicher der schönste Lohn ihrer Tapferkeit. Ich freue mich sehr für sie.


