Interview mit Hera Lind zu Ihrem Roman „Der Mann, der wirklich liebte“
1. Frau Lind, Ihr Roman beruht auf einer wahren Geschichte. Wie haben Sie von dieser Geschichte gehört – und was hat Sie bewogen, diesen Stoff zu verarbeiten?
Hera Lind: Michael Röhrdanz, der Mann von Angela Röhrdanz und Vater von insgesamt fünf Kindern, hat mich angeschrieben und mich gebeten, die Geschichte seiner Frau aufzuschreiben. Obwohl ich sehr viele solcher Zuschriften bekomme, hat diese eine mich doch von der ersten Sekunde an fasziniert: eine Frau, die im Locked-in-Syndrom ein gesundes Kind bekommt, ist wohl weltweit einzigartig. Und natürlich die unerschütterliche Liebe dieses Mannes ...
2. Frau Röhrdanz ist inzwischen verstorben, an den Folgen des Locked-in-Syndroms?
Hera Lind: Nein, das ist ja gerade das Drama, von dem ich in diesem Buch erzähle. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten, nur das: Angela Röhrdanz wird – langsam und mühevoll zwar – aber doch voll und ganz gesund. Erst Jahre später stirbt sie durch ein tragisches Ereignis …
3. In Ihren Unterhaltungsromanen, mit denen Sie die Bestsellerlisten und ein großes Publikum erobert haben, geht es überwiegend um die für das Lebensglück zentrale Frage im Leben einer Frau: Wie finde ich den richtigen Mann? Worauf Sie immer mit viel Humor eine Antwort wussten. Hier, bei diesem Schicksalsroman von dramatisch-tragischem Ausmaß, ist für Humor kein Raum. War dies eine große Umstellung für Sie?
Hera Lind: Ja und nein! Nachdem ich Michael Röhrdanz getroffen hatte, war mir klar, dass er selbst ein humorvoller Mann ist und dass er die positiven und schönen Seiten dieser Geschichte mit viel Liebe und sogar mit einem Hang zum Komischen geschildert haben wollte.
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4. Wie lange haben Sie recherchiert und geschrieben? Und was hat den Schreibprozess unterschieden vom dem einer rein fiktiven Romanhandlung?
Hera Lind: Michael Röhrdanz hat hervorragende Vorarbeit geleistet. Ich glaube, es war ihm ein Bedürfnis, sich alles von der Seele zu schreiben. Auch wenn es oft nur stichwortartige Skizzen waren, die er mir täglich per E-Mail zukommen ließ, so waren sie doch eine fantastische Grundlage für meinen Roman, an dem ich inklusive Recherche mehr als acht Monate gearbeitet habe.
5. Wie stark ist der Held, Michael Röhrdanz, an sein Vorbild angelehnt?
Hera Lind: Michael Röhrdanz ist sehr authentisch. Nachdem wir uns persönlich lange unterhalten hatten und er mir eine Zeitlang täglich schrieb, musste ich mir keinen Romanhelden mehr ausdenken. Ich habe nur die Szenen mit Dialogen und Bildern meiner Fantasie ausgeschmückt.
6. War es für Sie ungewohnt, aus der Perspektive eines handelnden Mannes zu schreiben?
Hera Lind: Es war allerdings das erste Mal, dass ich aus männlicher Perspektive schrieb, aber wie gesagt, bei der authentischen Vorlage fiel es mir nicht schwer.
7. Inwieweit haben Sie sich in die medizinischen Details eingearbeitet? Können Sie beurteilen, welche Chancen Angela aus Sicht der Ärzte tatsächlich hatte, wieder ins Leben zu finden? Und wie sehen Sie die Verantwortung der Ärzte in solchen Fällen? Werden Menschenleben zu schnell aufgegeben? Oder auch: Vertrauen wir zu wenig auf die Kraft der Liebe?
Hera Lind: Natürlich habe ich Ärzte aus meinem Freundeskreis gefragt und im Internet über das Locked-in-Syndrom recherchiert. Wie durch ein Wunder lief im Kino um die Ecke gerade Schmetterling und Taucherglocke, sodass ich mich in das Thema einfühlen konnte. Über die Verantwortung der Ärzte wage ich (als ehemalige Arztfrau und Arzttochter) nicht zu urteilen. Es gibt immer zwei Seiten. Auch steht es mir nicht zu, darüber nachzudenken, ob Röhrdanz seine Frau hätte gehen lassen sollen. Es gibt im Leben Entscheidungen, die man nur selbst treffen kann. Er hat diese Entscheidung für sich, für seine Frau und für seine Kinder getroffen und bis zur letzten Sekunde dazu gestanden. Davor kann ich nur meinen Hut ziehen.
8. Wie ist es Ihnen gelungen, sich in Angela einzufühlen? Der zur Passivität verurteilte Charakter ist ja viel schwerer zu fassen und trägt eine mindestens so schwere Bürde wie der, der leidet, aber etwas tun und helfen kann ... Kann man sich vorstellen, sich in dieser hilflosen Position von der Liebe eines Mannes restlos überfordert zu fühlen?
Hera Lind: Es war sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich, mich in Angela hineinzufühlen. Oft musste ich mitten im Schreiben plötzlich loslaufen, viele Kilometer, um aus der inneren Ge- und Befangenheit wieder auszubrechen. Man kann sich das überhaupt nicht vorstellen, im eigenen Körper eingemauert zu sein. Jedes Gefängnis ist dagegen komfortabel! – Dass sie Röhrdanz allerdings genauso innig und unverbrüchlich geliebt hat wie er sie, ist mir beim Schreiben klar geworden. Sonst hätte sie sich aufgegeben.
9. Michael Röhrdanz ist ein starker, unbeirrbarer Charakter und ein unbeirrbar liebender Mann. Ein Held, wie wir ihn uns erträumen. Ein Held, wie aus dem Märchen? Wenn man sich die Wirklichkeit anschaut, bekommt man da nicht den Eindruck, als seien diese Qualitäten sehr rar geworden?
Hera Lind: Deshalb bin ich so begeistert von dem Stoff der Geschichte, und deshalb habe ich auch auf diesen Titel bestanden! Ja, dieser Mann hat wirklich geliebt.
10. Mit der traditionellen Formel „in guten wie in schlechten Tagen“ versprechen sich Paare bei der Hochzeit auch heute noch, sich auf ewig zu lieben und füreinander da zu sein. Ist das noch zeitgemäß – in einer Welt, die von stetem Wandel, Flexibilität und grenzenlosen Wahlmöglichkeiten bestimmt wird?
Hera Lind: Das ist sicher ein frommer Wunsch, den wir alle am Tag der rosaroten Brille äußern. Wie es in Wirklichkeit aussieht, zeigt uns ja die Trennungs- und Scheidungsrate. Wobei ich nie darauf beharren würde, wegen dieses Versprechens sein Leben mit dem oder der Falschen zu verbringen. Menschen entwickeln sich. Auch auseinander.
11. Glauben Sie selbst an die ewige Liebe?
Hera Lind: Zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens? Ja.
12. Welche Botschaft möchten Sie Ihren Leserinnen und Lesern in diesem Roman mitgeben?
Hera Lind: Eigentlich maße ich mir nicht an, meinen Leserinnen Botschaften mitzugeben. Ich selbst war und bin fasziniert von dieser wahren Geschichte, und wenn es durch dieses Buch gelingt, viele Menschen ebenfalls zu faszinieren und zu fesseln, und wenn es darüber hinaus noch gelingt zu beweisen, dass es doch die große wahre Liebe gibt, dann bin ich, genau wie Michael Röhrdanz, schon sehr dankbar.


