HERA LIND
 

Interview mit Hera Lind zu Ihrem Roman „Die Champagner-Diät“

1. Frau Lind, Ihre Heldin hat 30 Kilo Übergewicht, schaut Vorabendserien und liest gerne Liebesromane. Warum tun Sie ihr das an?

Hera Lind: Kennen wir das nicht alle? Gemütlich mit einem Tässchen Schokolade oder Tee und einem Stück Kuchen in die Lieblingswolldecke gehüllt vor der Lieblingsserie sitzen und die Alltagssorgen vergessen? Das ist doch wunderbar! Es darf nur nicht ausarten! Bei meiner Heldin Eva ist das aber passiert. Die Champagner-Diät beginnt also mit dem dicken Ende, dem großen Knall. Jetzt muss etwas geschehen ...

2. Als Eva von ihrem Mann verlassen wird, erwacht sie aus einer Traumwelt. Hätte sie nicht schon vorher die Zeichen einer Ehekrise erkennen können?

Hera Lind: Eva ist zu gut für diese Welt. Sie vertraut ihrem Mann, der mit der Tochter und dem schwedischen Au-Pair-Mädchen in den Ski¬urlaub fährt. Selbst mag sie sich nicht aufraffen, denn Sport ist Mord ... Ja, Eva hat die rosarote Brille auf. Eine Ehekrise heraufbeschwören, wenn der Mann doch offensichtlich mit allem zufrieden ist? Warum denn?

3. In Ihrem neuen Roman erzählen sie also die Geschichte einer Frau, die eher unfreiwillig selbstständig und damit selbstbewusster wird?

Hera Lind: Entgegen aller Vorurteile sind meine Romanfiguren eben keine Superweiber. Im Gegenteil: Sie sind menschlich und fehlbar, und das macht die Komik aus. Eva Fährmann wird sehr wohl freiwillig selbstständig und selbstbewusst, aber sie muss kämpfen, wie jeder von uns. Ihr Kampfobjekt ist übrigens nicht ihr Ehemann, sondern ihr innerer Schweinehund. Und — das ist mir wichtig — am Ende definiert sie sich nicht mehr über den Mann, sondern erfindet sich selbst neu.

4. Eine persönliche Frage zum Schluss: Sie haben turbulente Zeiten hinter sich. Ist das der Grund dafür, dass Sie jetzt erst wieder mit dem Schreiben begonnen haben?

Hera Lind: So wie Eva Fährmann Pfunde, habe ich Federn gelassen. Aus dem Superweib, als das man mich immer gern titulierte, ist eine nachdenkliche, verletzliche Frau geworden. Meine Bücher »haue« ich nicht mehr so unbekümmert wie früher in die Tasten. Was ich meinen Leserinnen mitgeben möchte, ist, dass Selbstmitleid, Verbitterung oder gar Hass gegen den Ex uns nicht weiterbringen. Sie kosten uns nur Energie. Warum nutzen wir unsere Energie also nicht, um uns selbst wieder aus dem Sumpf zu ziehen, oder, wie in Evas Fall, neu zu erfinden?

(Interview aus Diana HC Vorschau - Frühjahr 2006)